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06.07.2008
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Kommentar zu Chinas Berichterstattung

In Tibet geht es um Macht - im Erdbebengebiet nicht

Verzweifelte Menschen, Trümmerwüsten, hilflose Retter - so viel ungeschminkte Realitiät sind Chinas Bürger nicht gewohnt. Aber das heißt nicht, dass sich die chinesische Politik fundamental geändert hätte. Wenn es um Macht geht, kämpft das Regime weiter mit eiserner Faust

Ein Kommentar von Jochen Graebert, ARD-Studio Peking

Wen Jiabao im Erdbebengebiet (Foto: REUTERS) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Ministerpräsident Wen Jiabao besucht in der Stadt Mianyang eine Notunterkunft. ]
Millionen Chinesen reiben sich verwundert die Augen, wenn sie jetzt den Fernseher einschalten. Da steht ihr Premier Wen Jiabao in den Trümmern, wie ein Kaiser ohne Kleider buchstäblich im Regen. Eine Straße ins Erdbebengebiet müsse geöffnet werden, fordert er vor laufenden Kameras. Das geht nicht, also ordert er Fallschirmspringer, auch das klappt nicht wegen des schlechten Wetters - also weiter, dann eben zu Fuß.

Bilder live und ungeschönt

Soviel Chaos, soviel ungeschminkte Realität hat Chinas Führung ihren Bürgern noch nie zugemutet - im Gegenteil: Katastrophen wurden bisher stets präsentiert wie geheime Verschlusssachen. Umfassend informiert wurde bisher erst dann, wenn die Regierung die Lage unter Kontrolle hatte. Aber jetzt wird plötzlich gezeigt, wie sie darum kämpft - live, hautnah und ungeschönt: Wieso, fragte ein Reporter den örtlichen Funktionär, stürzen hier nur Schulen ein und nicht Regierungs- und Parteigebäude? So etwas hätte ihn gestern noch den Job gekosten, heute läuft es im Staatssender ungeschnitten. Warum?

Die Macht wird nach altem Muster verteidigt

Zum einen will Peking auf keinen Fall in den Geruch birmesischer Verhältnisse kommen, schon gar nicht jetzt nach dem Tibet-Desaster und so kurz vor den Olympischen Spielen. Der Verzicht auf die ganze Heimlichtuerei hätte China natürlich auch im Tibetkonflikt gut zu Gesicht gestanden, aber da ging es um Politik und damit auch um Macht. Und die wird nach altem Muster verteidigt, mit eiserner Faust. Daran wird sich auch nach dem Erdbeben nichts ändern. Dennoch: Wer einmal von der Freiheit gekostet hat wird ihren Geschmack so schnell nicht vergessen, die Journalisten nicht und auch nicht die chinesischen Zuschauer.

 

Stand: 14.05.2008 11:53 Uhr
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