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Der Dalai Lama ist weltweit bekannt und vor allem im Westen populär wie kaum jemand sonst. Aber wer ist er wirklich: Oberster tibetischer Buddhist? Oberster tibetischer Politiker? Oder beides? Sicher scheint: Seine Rolle ändert sich - und das nicht unbedingt zu seinem Vorteil.
Von Fabian Grabowsky, tagesschau.de
Die Dalai Lamas ("Ozean der Weisheit") waren seit dem 17. Jahrhundert und bis zur chinesischen Okkupation im Jahr 1951 das weltliche und geistliche Oberhaupt des Mönchsstaats Tibet. Sie waren in der Regel buddhistische Mönche und galten den tibetischen Buddhisten als Wiedergeburt ihrer Vorgänger und Verkörperung des Buddhas des Mitgefühls.
Der erste Dalai Lama, Sonam Gyatso, wurde 1578 von den Mongolen ernannt – sie wählten das damalige Oberhaupt des Gelug-Ordens. Weil seine Ordensvorgänger posthum auch als Dalai Lamas anerkannt wurden, zählte er schon als dritter in der Reihe. Seitdem gibt es eine oft lockere Folge von Dalai Lamas mit zum Teil jahrzehntelangen Unterbrechungen. Grund ist, dass die Nachfolger immer erst gefunden und erwählt werden müssen.
Nach dem Tod des 13. Dalai Lamas Thubten Gyatso im Jahr 1933 erkannte eine Delegation höchster Lamas 1939 in dem vierjährigen Bauernsohn Lhamo Dhondup aus dem nordosttibetischen Dorf Taktser die Reinkarnation des Verstorbenen. Lhamo wurde erst im Potala-Palast ausgebildet und 1950 unter seinem Mönchsnamen Tenzin Gyatso als 14. Dalai Lama inthronisiert.
Zitat: "Ich bin komplett dagegen, dass Leute zu Gewalt greifen. Wenn die Lage in Tibet durch Gewalt außer Kontrolle gerät, dann werde ich zurücktreten."Als chinesische Truppen den tibetischen Aufstand von 1959 blutig niederschlugen, floh der Dalai Lama ins indische Exil. In Dharamsala gründete er eine demokratische Exil-Regierung. Ab 1973 bereiste er dann westliche Welt, warb für eine friedliche Lösung der Tibet-Frage und wurde weltweit immer populärer. Im Jahr 1989 erhält er schließlich den Friedensnobelpreis.
Aber die lange Zeit im Exil und die anhaltende chinesische Herrschaft sind für die Autorität des Dalai Lama eine Herausforderung. Er ist zwar weiter die zentrale Symbolfigur für alle Tibeter. Auch seine spirituelle Autorität als Oberhaupt des tibetischen Buddhismus ist unverändert. "Seine religiöse Führerschaft als Großer Lehrer wird nicht in Frage gestellt", sagt Sebastian Bersick von der Stiftung Wissenschaft und Politik.
Anders ist das aber mit seiner politischen Autorität. Schon jetzt hat der 72-Jährige viele seiner Exil-Regierungsgeschäfte abgegeben. Sowieso gibt er sich hinsichtlich seines politischen Einflusses bescheiden: Er sei ein einfacher Mönch – "nicht mehr und nicht weniger". In einem ARD-Interview sagte er im vergangenen Jahr, die Tibet-Frage sei nur die drittwichtigste seiner Aufgaben.
Interview:
Tatsächlich ist die Gleichung Tibet = Dalai Lama zu einfach. "Wir haben gelegentlich im Westen die Neigung hochkomplexe schwierige Zusammenhänge in China auf einfache Perspektiven zu reduzieren", sagte Eberhard Sandschneider, Forschungsdirektor der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik, im tagesschau.de-Chat. Der freundlich lächelnde Dalai Lama sei dafür "ein ausgesprochen geeigneter Sympathieträger".
Aber die Prioritäten vieler, vor allem jüngerer Tibeter sind andere. Sie wollen einen entschiedenen Unabhängigkeitskurs. Der Dalai Lama wirbt stattdessen unverändert für Gewaltfreiheit und für einen Dialog mit der chinesischen Führung – und hat sich immer wieder nur für eine stärkere Autonomie Tibets innerhalb Chinas ausgesprochen.
Organisationen wie dem "Tibetean Youth Congress", der seine Zentrale ebenfalls in Dharamsala hat gefällt, das nicht. Noch ist die Position des radikaleren Lagers schwach. Aber die Unruhen in den von Tibetern bewohnten Regionen Chinas seien vielleicht schon ein Zeichen für den "Kontrollverlust" und "eine politische Delegitimisierung" des Dalai Lama, sagt SWP-Experte Bersick. Schon während der Unruhen drohte der Dalai Lama wegen der Gewalt mit seinem Rücktritt als politischer Führer. Die Drohung sei ein Signal an die eigene Bevölkerung gewesen, meint DGAP-Experte Sandschneider.
Zitat: "Wenn die Institution des Dalai Lama nach über 400 Jahren mit mir enden sollte, wäre ich glücklich. Vielleicht war ich nicht der beste Dalai Lama, aber auch nicht der schlechteste – ein ziemlicher normaler Dalai Lama. Und ein ziemlich netter Mensch."Die Olympischen Spiele in Peking sind für den Dalai Lama also politische Chance und politisches Risiko. Einerseits eine Chance, die Aufmerksamkeit wie nie zuvor auf die Tibet-Frage zu lenken. Sollte er aber damit die hohen Erwartungen der tibetischen Community enttäuschen und weiter keine Pekinger Zugeständnisse erreichen, drohe vielleicht ein beunruhigendes Szenario, meint Bersick: "Die Leute könnten sich dann fragen: Die Politik des Dalai Lama ist gescheitert, sie war schon vorher fruchtlos. Welche Mittel haben wir also noch?"